Auf britischen Straßen

Auf britischen StraßenÜber white van drivers, whistle blowers und englische Ladys

Autofahren auf britischen Straßen ist nicht nur wegen Linksverkehr und Kreisverkehr manchmal schwieriger als man denkt.

 

Im Allgemeinen sind Briten sehr höfliche Autofahrer. Allerdings gibt es auch das genaue Gegenteil – dazu gehören viele Lieferwagenfahrer. Im Englischen werden solche rücksichtslosen Verkehrsteilnehmer gerne white-van-men genannt. Die Farbe des Lieferwagens alleine lässt natürlich nicht auf den Fahrstil eines einzelnen Fahrers schließen, der Begriff resultiert wohl aus einer allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung, die zum Stereotyp herangewachsen ist. Selbst eine TV-Sitcom mit diesem Titel wurde produziert.

Name and shame schlechte Fahrer

Einige Firmen sind sich nun darüber bewusst geworden, dass sich der schlechte Fahrstil ihrer Mitarbeiter negativ auf den Kundenservice und das Image auswirkt. Abgesehen davon entstehen den Unternehmen hohe Kosten durch Unfälle, die ihre Fahrer verursachen. Und nicht zuletzt sind sie vor dem Gesetz für ihre Arbeitnehmer in der Öffentlichkeit verantwortlich. Daher haben nun mehr und mehr Unternehmen eine Name-and-shame-Kampagne begonnen. Auf den Lieferwagen ist hinten der Hinweis „How am I driving?“ mit einer Telefonnummer angebracht, unter der Kunden oder Verkehrsteilnehmer einen typischen white van driver anprangern können.

Lange Tradition des whistle blowings

Name and shame ist in Großbritannien eine verbreitete Form der „Selbstjustiz“, die von Deutschen oft kritisch beäugt wird. Mit Blick auf unsere historische Vergangenheit ist der Begriff der Denunziation negativ konnotiert. Für Briten zählt jedoch der community spirit, wer der Gemeinschaft schadet, erfährt soziale Kontrolle und wird zur Rechenschaft gezogen. Viele Organisationen haben deshalb im Handbuch für Mitarbeiter umfangreiche Informationen zum Procedere des whistle blowings, wenn beispielsweise jemand interne Missstände öffentlich machen möchte.

Während Deutsche dabei eher negativ an „die anderen verpfeifen“ oder „Nestbeschmutzer“ denken, rührt der englische Begriff whistle blowing entweder von den Londoner Bobbies, die andere Polizisten durch eine Trillerpfeife auf ein Verbrechen aufmerksam machten und zur Hilfe holten oder aber von der Rolle des Fußballschiedsrichters, der Fehlverhalten auf dem Rasen abpfeift. To blow a whistle wird also mit dem Aufdecken von Fehlverhalten gleichgesetzt.

Der weltweit bekannteste whistleblower mit den größten Schwierigkeiten ist derzeit sicherlich Edward Snowden. In Großbritannien werden Mitarbeiter jedoch häufig sogar aktiv zum whistleblowing ermuntert, beispielsweise über eine speziell eingerichtete Hotline, die man ggf. auch anonym anrufen kann. So geht es nun vielerorts auch den white van men an den Kragen.

Daneben gibt es für Verkehrsdelikte, die der Polizei entgehen, auch Websites, teils von der lokalen Polizei (London, Sussex), teils von regionalen Organisationen eingerichtet, über die man gefährliche Fahrer melden kann. Die National Cycling Charity hat beispielsweise eine Road Justice Campaign mit Reporting-Funktion ins Leben gerufen.

Autofahren ladylike?

Ich persönlich halte ja englische Ladys 80+ für die gefährlichsten Verkehrsteilnehmerinnen im Vereinigten Königreich: Das Lenkrad eisern umklammert fahren sie mit einer konstanten Geschwindigkeit von 40 mph durch 30er und 50er Zonen, stur von A nach B. Sie geben sich selbst die Vorfahrt, andere Autos geflissentlich ignorierend. Wegen abgestellten Fahrzeugen am Straßenrand halten Sie sich in Wohngebieten stets in der Mitte der Fahrbahn und sausen furchtlos in den doppelten Kreisverkehr hinein. Und wenn sie schließlich an ihrer Hauseinfahrt knapp vorbeigefahren sind, treten sie abrupt auf die Bremse und starten ein mehrphasiges rückwärtsgerichtetes Einparkmanöver. Werden Sie von einem geschockten white van driver angehupt, steigen sie aus und suchen das persönliche Gespräch: „Is there a problem, dear?“

Ich suche noch nachdem richtigen Begriff und dann richte ich eine Hotline ein…

Katrin Koll Prakoonwit

Handfeste Tipps zu Linksverkehr, Kreisverkehr und Sonstigem beim Autofahren in Großbritannien erhalten Sie in Kapitel 6 des Ratgebers Alltag in Großbritannien – Leben und arbeiten in England, Schottland und Wales.

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