Kindergeburtstag – Warum der Kuchen in die Tüten muss

Kindergeburtstag

Waren Sie schon mit Ihren Kindern auf der Geburtstagsparty eines englischen Klassenkameraden? Oder werden Sie in Ihrer neuen britischen Heimat bald selbst Kindergeburtstag feiern? Dann gehen Sie nicht davon aus, dass das alles genauso abläuft wie in Deutschland. Weit gefehlt. Beherzigen Sie die folgenden 12 Tipps:

 

1) Einen Raum mieten: Weil Raum in vielen britischen Häusern ein knapp bemessenes Gut ist, mieten die meisten Familien die lokale village hall oder einen Raum im Gemeindezentrum der Kirche. Keine Sorge, die Raummiete ist meist überraschend günstig. Auch party venues mit Rundumversorgung, z. B. in Softplay-Centern, sind sehr beliebt, wenn auch teurer. Nur wer einen großen Garten hat und im Sommer feiert, lädt auch mal nach Hause ein. Wegen des nur schwer vorhersehbaren englischen Wetters halten das viele Eltern aber für keine gute Idee.

2) Eingeladen wird mit genauer Zeitangabe: Meist sind zwei Stunden ausreichend. Weil die Kinder ganztags in der Schule sind, finden Partys grundsätzlich am Wochenende statt. Es wird also beispielsweise für „Saturday 2-4pm“ eingeladen. Es ist aber auch durchaus üblich, vormittags zu feiern, z. B. sonntags von 10 bis 12 Uhr. Dann heißt es: Raus aus den Federn und das Sonntagsfrühstück um eine Woche verschieben.

Damit Sie wissen, wie viele Gäste kommen, sollten Sie um eine Zu- oder Absage bitten. Dies geschieht mit einem Vermerk unter der Einladung: RSVP by (Datum) to (Name und Telefonnummer). RSVP steht für das französische répondez s’il vous plaît.

3) Geschenke: Wenn die kleinen Gäste zur Party erscheinen, gratulieren sie erstmal dem Geburtstagskind. Das Geschenk (mit daran befestigter Geburtstagskarte – diese ist fast noch wichtiger als das Geschenk selbst! Siehe Alltag in Großbritannien Seite 328) wird auf einem Gabentisch abgelegt und nicht weiter beachtet. Auf keinen Fall die Geschenke sofort auspacken!

4) Lernen Sie rechtzeitig englische Party-Spiele: Auch die Party-Spiele unterscheiden sich durchaus von den in Deutschland üblichen. Topfschlagen ist gänzlich unbekannt. Sagen Sie also nicht “Now we do pot hitting!” und greifen sich gar noch ein Kind, um ihm die Augen zu verbinden. Das wird zu Panikreaktionen bei den anwesenden Eltern führen. Stattdessen heißt es: Musical chairs (Reise nach Jerusalem), musical statues, pin the tail on the donkey etc. Einen Überblick finden Sie hier. Auch Pinatas (mit Süßigkeiten gefüllte, an der Decke aufgehängte Pappmachefiguren, auf die die Kinder so lange einschlagen, bis die Süßigkeiten herausfallen) sind üblich. Das ist eine gute Alternative zu Topfschlagen.

Ganz wichtig für die Kleinen ist pass the parcel. Ein Geschenk wird zigfach eingepackt, in jeder Geschenkpapierschicht versteckt sich eine kleine Überraschung. Die Kinder sitzen im Kreis, reichen das Paket weiter. Wenn die Musik stoppt, darf eine Schicht Papier entfernt werden. Das Kind, das dran ist, erhält die Überraschung. Damit es keine Tränen gibt, müssen Sie genau wissen, wie viele Gäste kommen! Das letzte Kind (meist das Geburtstagskind) erhält die große Überraschung am Schluss. Dazu muss der CD-Spieler entsprechend genau bedient werden. Wie Sie das perfekte Paket packen, sehen Sie hier in dieser Videoanleitung.
Sie sollten pass the parcel vorher zu Hause üben. Hier dürfen Sie sich keinen Fehler erlauben!

5) Entertainment für ältere Kinder: Mit Spielen geben sich meist nur die Jüngsten zufrieden. Ab einem Alter von ca. fünf bis sechs Jahren wachsen die Ansprüche. Einen Entertainer zu bestellen, ist durchaus üblich. Das Angebot ist entsprechend reichhaltig. Auch Themenpartys mit Verkleidung (fancy dress party) sind zu jeder Jahreszeit eine Möglichkeit.

6) Keine Party ohne afternoon tea: Nach ca. einer Stunde Aktivität, folgt bei Partys am Nachmittag der obligatorische afternoon tea. In Alltag in Großbritannien (ab Seite 251) haben Sie bereits gelesen, dass damit nicht unbedingt nur Tee gemeint ist. Richtig, es handelt sich um eine Mahlzeit, die durchaus auch Herzhaftes umfasst. Und so warten die kleinen Partygäste nicht etwa auf Kuchen , sondern auf – wie könnte es anders sein – Sandwiches. Besonders gut kommen kleine, dreieckige Käse- und Schinken-Sandwiches an – weißes Brot, Rinde abschneiden! Bei Vormittags-Partys gibt es lunch, der oft aus chicken wings, fish fingers (Fischstäbchen), baked beans, Pommes etc. besteht. Denken Sie pro forma an die five-a-day (Seite 261) und schnippeln Sie ein paar carrot sticks dazu. Dann machen Sie einen guten Eindruck.

7) Auch an die Eltern denken: Bis zu einem Alter von ca. 6 Jahren bleiben die Eltern der kleinen Gäste da. Dann sollten Sie Tee und eine Kleinigkeit zu Essen bereithalten. Auch Kindergeburtstage bieten die Möglichkeit des Socialising (Siehe Kapitel 21 in Alltag in Großbritannien) Denken Sie bei Ihrer Partyplanung daran, dass Sie einen etwas größeren Partyraum und Stühle für die Eltern benötigen!

8) Den Kuchen präsentieren: Nach dem Essen wird der Geburtstagskuchen mit den brennenden Kerzen hereingetragen. Alle singen Happy Birthday. Das Geburtstagskind bläst die Kerzen aus – und – der Kuchen wird wieder HINAUSGETRAGEN. Die Kinder essen zum Trost biscuits und andere Süßigkeiten. Es folgt eine weitere Spielrunde.

9) Kuchenstücke einpacken: In der Küche müssen Sie den Geburtstagskuchen anschneiden. Schneiden Sie kleine Stücke. Anschließend packen Sie jedes Kuchenstück in eine Papierserviette. Diese Päckchen kommen in party bags. Dort haben Sie zuvor schon kleine Überraschungen (googeln Sie nach party bag fillers) und Süßigkeiten hineingetan.

10) Party bags mit Kuchen verteilen: Neigt sich die Party dem Ende zu – und zwar pünktlich wie in der Einladung angegeben -, erhält jedes Kind ein party bag mit dem in die Serviette gewickelten Stück Kuchen für zu Hause.

Ja, inzwischen ist die Serviette bereits fettig und klebrig, der reichhaltig mit Zuckerguss dekorierte Kuchen ist matschig. Ja, man kann das Stück Kuchen zu Hause kaum noch essen. Weil das so ist, schummeln einige Eltern: Sie präsentieren einen toll aussehenden Kuchen mit Kerzen, den sie anschließend heimlich durch die Hintertür ins Auto tragen. In die party bags kommt ein billiger Schokokuchen aus dem Supermarkt. Von diesem Trick ist jedoch dringend abzuraten, wenn Sie bei Ihren neuen englischen Freunden einen guten Eindruck hinterlassen möchten. Es sei aber spaßeshalber erwähnt.

11) Thank you cards schreiben: Zu Hause angekommen, darf das Geburtstagskind die Geschenke auspacken. Sie sitzen daneben und führen eine genaue Liste, wer was geschenkt hat. Ein paar Tage später muss Ihr Kind (oder Sie schreiben im Namen Ihres Kindes) Thank you cards schreiben. Darin bedankt es sich für den Besuch und das Geschenk. Das Geschenk wird genau beschrieben. Denken Sie an starke Adjektive (siehe Alltag in Großbritannien Seite 300). Statt „The book is very nice.“ heißt es ungefähr: „The book is fantastic. Thank you so much. That was really a great present.”

12) Deutsch feiern? Sie wollen mit den neuen englischen Freunden Ihrer Kinder lieber einen klassischen deutschen Kindergeburtstag feiern und einen selbstgemachten Kuchen nach dem Anschneiden auch gleich essen? Ja, das kann klappen. Aber nur, wenn es vorher Sandwiches gibt. Ich habe einmal die Sandwiches im Kühlschrank vergessen und musste mich 16 vorwurfsvollen Blicken stellen. Vier- und fünfjährige Kinder rühren das Stück Schokoladenkuchen auf ihrem Teller nicht an, bevor sie nicht ihre Sandwiches hatten. Hier zeigt sich englische Disziplin.

Übrigens: Auch auf Hochzeiten erhalten die Gäste häufig beim Abschied ein Stück Hochzeitstorte in einer kleinen Box verpackt. Die Tradition besagt, dass die Gäste nach dem reichhaltigen Hochzeitsmahl keinen Kuchen mehr essen können. Am nächsten Tag können Sie dann von dem Kuchen zehren.

Achja, und bitte melden Sie sich, sollten Sie einmal auf einem Kindergeburtstag gewesen sein, bei dem das Kuchenstück nicht in einer Papierserviette, sondern in Alu- oder Frischhaltefolie eingepackt wurde.

Katrin Koll Prakoonwit

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