Die Kunst des kleinen Gesprächs – Small Talk auf Britisch

Wofür ich die Briten am meisten bewundere, ist ihre Fähigkeit, mit Leichtigkeit jeden in einen kleinen Small Talk zu ziehen. Dies gelingt, indem sie am Gesprächsanfang nach potenziellen Gemeinsamkeiten suchen und das weitere Gespräch darauf aufbauen. Uns Deutschen liegt das nicht besonders. Umso mehr macht es Sinn, diese britische Gabe genau zu studieren.

Ich selbst war vor einigen Wochen auf einer Party und hatte dort eine weitere Gelegenheit, zu beobachten, wie potenzielle Gemeinsamkeiten ins Gespräch führen. Und manchmal wird dazu auch alles ein wenig zurechtgebogen. Denn es geht beim Small Talk nicht wirklich um die Inhalte des Gesprächs, sondern einfach darum, eine positive Atmosphäre zu schaffen. Ist die erreicht, kann man sich etwas ernsthafter unterhalten.
Ich war also auf der tea party (in diesem Fall ein kleiner Stehempfang) im Garten von Philippa, einer älteren Dame aus der Nachbarschaft.

Let me introduce you to…

Philippa: “Oh Katrin, darling, there you are. Come over here, let me introduce you to Elise. Elise is from Germany, too. She is from Strasbourg.“
Philippa lächelt mich erwartungsvoll an, ebenso wie Elise, die direkt neben ihr steht.
Mein Verstand sagt mir sofort: Straßburg ist in Frankreich. Gleichzeitig denke ich aber auch: Jetzt nicht gleich als besserwisserische Deutsche daherkommen. Ich entscheide mich für ein diplomatisches: „Oh, how wonderful.“
Das ist Philippa wohl noch nicht genug. Also schiebt sie nach: “You could speak German together! Isn’t that great? Two Germans at my little garden party.”
Elise lächelt und sagt: „Mais oui.“
Mein Verstand meldet: Das war Französisch, nicht Deutsch. Ich lasse es auf sich beruhen und versuche, das Gespräch in sicherere Gefilde zu lenken: „What brings you to England, Elise?“
Philippa ist offensichtlich zufrieden. Sie sagt: “I’ll leave you two together to share some memories.” Dann schreitet sie davon, um weitere Gäste zu begrüßen.

Konversation mit Elise

Ich unterhalte mich weiter mit Elise. Es stellt sich heraus, dass sie vor rund zehn Jahren ein paar Monate in Deutschland gelebt hat und – auch bedingt durch ihr Aufwachsen in der Nähe von Straßburg – Elsässisch und etwas (Hoch)Deutsch spricht. Wir bleiben trotzdem neutral beim Englischen, das scheint ihr angenehmer zu sein. Ich deute dezent an, dass Philippa da wohl etwas verwechselt hat. Elise lacht nur und sagt: “I know, it doesn’t matter really. Does it?”
Nein, eigentlich nicht. Solange der französische Nationalstolz das aushält, soll es mir recht sein.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Später – ich unterhalte mich mit jemand anderem – stehe ich mit dem Rücken zu Philippa und Elise. Ich höre Philippa rufen: “Françoise, do come here, Love. Let me introduce you to Elise. She is French as well! Isn’t that wonderful? Two French ladies at my garden party.”
Sie hat also Elises dezenten Hinweis “Mais oui” (statt deutsch: „Aber ja“) verstanden oder weiß wahrscheinlich ohnehin selbst, dass Straßburg in Frankreich liegt. Es wäre wirklich unnötig besserwisserisch von mir gewesen, sie darauf hinzuweisen.

Katrin Koll Prakoonwit

In Alltag in Großbritannien – Leben und arbeiten in England, Schottland und Wales finden Sie ab Seite 298 einige nützliche Tipps, wie Small Talk funktioniert.

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